Müntefering musste Autofahren wieder lernen
Vorabmeldung der Ausgabe Nr. 1 vom 30. Dezember 2010
Der frühere SPD-Parteivorsitzende Franz Müntefering muss sich nach Jahrzehnten in höchsten Ämtern von Staat und Partei mit Hilfe seiner 40 Jahre jüngere Ehefrau Michelle wieder an das Leben als einfacher Bürger gewöhnen. „Autofahren musste ich erst wieder lernen“, sagte der 70 Jahre alte Müntefering, der jahrelang von Chauffeuren gefahren wurde, der ZEIT. Als er das erste Mal wieder selbst einen Wagen gestartet habe, habe er verblüfft die kleine Skizze auf dem Schaltknüppel betrachtet, und seiner zu seiner Frau gesagt: „Sechs Gänge? Zu meiner Zeit kam man doch mit vier aus“, berichtete Müntefering.
Der Politiker aus dem Sauerland hatte im November 2009 den SPD-Vorsitz an Sigmar Gabriel abgegeben, sein Bundestagsmandat jedoch behalten. Er und seine Frau wohnen gemeinsam in Herne und Berlin.
Über seine Ehe mit Michelle sagte Müntefering: „Wenn ein 70-Jähriger und eine 30-Jährige zusammenkommen, kann das nur funktionieren, wenn der 70-Jährige nicht 30 sein will – und die 30-Jährige 30 ist und nicht 70 sein muss. Da geht jeder auch seine eigenen Wege. Ich weiß zwar jetzt, wer Michael Jackson war, hör ihn mir aber trotzdem nicht an“. Als anderes Beispiel für Unterschiede in den Lebenswelten der Eheleute nannte Müntefering das Internet. Für seine Frau sei der Umgang mit den modernen Medien wie E-Mails, Twitter und Google selbstverständlich. „Ich mach das ja nicht, und ich mag das ja nicht“, sagte Müntefering dazu.
Der SPD-Politiker schilderte, wie er und seine Frau Meinungsverschiedenheiten lösten: „Im letzten Urlaub wollte meine Frau nach New York, ich ins Sauerland. Gelandet sind wir dann am Comer See. Ein guter Kompromiss“.
Über seinen Alltag nach dem Rückzug vom SPD-Vorsitz sagte er: „Ich habe 50 Prozent Freizeit, lese mehr, werkele auch in der Wohnung rum, gehe spazieren, schlafe schon mal eine Stunde länger“. Ihm fehle „der permanente Infofluss. Das Gefühl, wie eine Spinne im Netz zu sitzen, nach allen Seiten verknüpft, die Lage zu analysieren, Strategien zu entwickeln, Entscheidungen zu treffen. Das war Pflicht. Pflicht fehlt mir ein wenig.“
Hamburg 29. Dezember 2010zurück zur Übersicht
